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Informationen zur Psychotherapie, Psychoanalyse und analytischen Psychotherapie

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Copyright Dr. med. Robert Röhrig, FA für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse


Inhalt

Die Unterschiede zwischen analytisch/tiefenpsychologisch fundierter Therapie und Verhaltenstherapie



Für das Verstehen der Identität eines Fachgebiets ist es oft hilfreich, die Grundlagen und Inhalte von anderen Fachgebieten abzugrenzen. Ein Mensch oder eine Dynamik werden in Kontur und Identität auch deutlicher durch etwas, das sie nicht sind, nicht nur durch das, was sie sind.

Analytische Therapie und Verhaltenstherapie unterscheiden sichauf mehreren Ebenen:


1. auf ihrem theoretischen Hintergrund.

2. durch ihre Ziele innerhalb der Therapien (mit denen letztlich natürlich beide Therapierichtungen ein gemeinsames übergeordnetes Ziel erreichen möchten, dass es dem Patienten besser geht).

3. unterschiedliche Fragestellungen

4. die unterschiedliche Art der sog. therapeutischen Beziehung


Der Unterschied in der Theorie bezieht sich vor allem auf die Vorstellung über das Unbewusste. Ein Unbewusstes i.S. der Psychoanalyse gibt es in der Verhaltenstherapie nicht. Auch nicht die Vorstellung, dass dieses Unbewusste eine eigene Dynamik und Motivation hat. Spricht man in der Verhaltenstherapie über unbewusstes, so ist es eher im Sinne einer dem Bewusstsein nicht zugänglichen Erinnerung gemeint, die zwar das Verhalten bestimmen kann und etwas bewirkt, aber eher im Sinne des passiven Abrufens von gespeicherter Erfahrung, ohne ein „Eigenleben“ der unbewussten seelischen Dynamik.

Die psychodynamischen Verfahren verstehen das Unbewusste als einen Bereich, der unser Handeln und unser Erleben lenkt, während wir bewusst denken, dass wir die Situation mit unserem Verstand kontrollieren. Das Unbewusste ist hier eine Ebene, die durch eigene Aktivität die Tätigkeit des Bewusstseins bestimmt, und die ihre "Struktur" durch die bisherige Entwicklung des Individuums bekommen hat. Es ist eine Ebene mit einer eigenen Dynamik bzw. Konflikthaftigkeit oder Logik, die sich auch gegen das Bewusstwerden "wehren" kann (weil das mit Schmerzen verbunden wäre). Wenn Psychoanalytiker von "Widerstand" sprechen, meinen sie diesen Vorgang, und wollen nicht etwa dem Patienten unterstellen, dass er Widerstand gegen den Therapeuten leisten würde. Der Widerstand gegen die Bewusstwerdung entsteht in der Regel aus guten Gründen, und nicht aus Trotz. Der Therapeut ist in diesem Zusammenhang nicht nur für die Bewusstwerdung, sondern auch für den Schutz des Patienten verantwortlich.

Beide Vorstellungen über das Unbewusste sind mit einem unterschiedlichen Menschenbild verknüpft. Aus der verhaltenstherapeutischen Grundeinstellung ergibt sich das Bild vom Menschen als Produkt seiner erlernten bzw. auch nicht erlernten Verhaltensweisen und Denkmuster. Das Menschenbild der Psychoanalyse sieht den Menschen eher als Ergebnis einer Reihe von bewältigten aber auch nicht zu bewältigenden Konflikten, denen er im Laufe seiner Entwicklung ausgesetzt war, und die gleichzeitig oft unbewusst geblieben sind (oder z.B. durch Verdrängung unbewusst geworden sind). Sinnfagen, philosophische und religiöse Aspekte sind mit diesem Menschenbild wie selbstverständlich verbunden. Das Menschenbild der Psychoanalyse ist das Bild eines „Konfliktwesens“, das fortgesetzt mit seinen inneren Gegensätzen ringt.

Mit dem Begriff "Konflikt" meinen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie und vor allem die Alltagssprache etwas unterschiedliches. Es gibt Konfliktsituationen mit der Umwelt und anderen Menschen (meist sogar mit engsten Bezugspersonen), daran arbeiten alle Therapieformen. Die Psychoanalyse konzentriert sich zusätzlich auf die "inneren" Konflikte, die jeder Mensch mit sich selbst oder besser in sich selbst hat (z.B. zwischen Egoismus und Gewissen), die oft eben unbewusst sind, und deshalb nicht ausreichend bearbeitet werden können. Auf diese Weise kann es geschehen, dass ein Mensch, der nach aussen gar keine Konflikte erzeugt, in sich selbst zerrissen und gelähmt ist.

Dieser Unterschied in Theorie und Menschenbild führt logischerweise zu unterschiedlicher Anwendung der "seelischen Mittel" (siehe "was ist Psychotherapie") in der Behandlung.

Ausgehend vom "Symptom" eines Menschen, seinem Leiden, mit dem er einen Therapeuten aufsucht, hat die Verhaltenstherapie die Vorstellung, ein ungünstiges Verhalten oder eine nicht funktionale Denkweise auszulöschen und neu lernen zu können. Das Symptom ist mit der Krankheit gleich gesetzt, die z.B. durch bestimmte Denkweisen bestimmt ist. Deshalb ist dort das hauptsächliche Mittel die Analyse eines Verhaltens, oder auch eines krankmachenden Denkmusters ("kognitive Verhaltenstherapie") und das Einüben neuer Verhaltensmuster bzw. Denkmuster, eine Art Umschulung, in welcher der Therapeut Spezialist für das Problem des Patienten ist. Im Vordergrund steht die Frage der Verhaltensstrategie ("Coping"), mit der man mit einem Problem angehen kann. Diese Ziele sind in einem Ursache-Wirkungsprinzip recht einfach definierbar und in ihrem Erfolg auch einfach kontrollierbar. Deshalb hat es die Verhaltenstherapie mit statistischen Nachweisen ihrer Behandlungsergebnisse etwas einfacher. Man kann allerdings nur vergleichbare Prozesse miteinander vergleichen. Um das übergeordnete Ziel (Beseitigung oder Milderung von Krankheit) zu erreichen, strebt die analytisch orientierte Therapie schwerpunktmässig einen anderen Weg an, und braucht damit auch einen anderen wissenschaftlichen Zugang:

Die Ziele von analytischer Therapie sind weniger darauf ausgerichtet, was an Handlung äusserlich sichtbar ist, sondern was sich an persönlicher innerer "Struktur" verändern kann. Im Vordergrund steht hier also die innere Verarbeitung eines Problems mit Veränderung der innerseelischen Grundlage für zukünftiges Handeln (auch eine Art "Coping"). Was mit Struktur gemeint ist, würde an dieser Stelle zu viel Raum einnehmen, im Grossen und Ganzen handelt es sich dabei um die sog. Verinnerlichung von Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen. Da diese Struktur nicht so direkt beobachtbar ist, muss man sie überwiegend aus den Gefühlen und Erfahrungen rückschliessen, die der betreffende Mensch wiederum in seinem Gegenüber auslöst (die Arbeit mit sog. Übertragung und Gegenübertragung). Während diese Prozesse für die Verhaltenstherapie von untergeordneter Bedeutung sind, stellen sie für die analytische Therapie im Kontext der sog. "therapeutischen Beziehung" das zentrale "therapeutische Mittel" dar. Man geht davon aus, dass auf diesem Weg innere Entwicklung/Reifung die strukturellen Bedingungen so verändert, dass ein Mensch zum Spezialisten für sich selbst und seine bisher unbewusste Dynamik wird (anstatt dass der Therapeut der Spezialist ist). Er wird sein Leid dadurch bewältigen, dass er dessen Grundlagen ausreichend verstanden, bearbeitet und damit überwunden hat, auf diese Weise dem zugrunde liegenden Konflikt seine zerstörerische Kraft nimmt.

Die Fragestellungen von Verhaltenstherapie und Psychoanalyse unterscheiden sich aufgrund des bisher gesagten deutlich. Mit "kognitiv" (in der Verhaltenstherapie) ist die Frage verbunden was tut ein Mensch, wie tut er es, was denkt er und wie denkt er. Mit "analytisch" ist zusätzlich die Frage verbunden warum tut er etwas oder warum denkt und empfindet er gerade so und nicht anders. Hier wird am ehesten deutlich, was mit "Tiefe" gemeint ist: Eine unbewusste Motivation zu verstehen. Welcher unbewusste, bisher nicht aufgelöste Konflikt, Schmerz oder welches nicht eingestandene Bedürfnis, welche nicht eingestandene Schuld oder Scham liegt unter dem sichtbaren Verhalten und bestimmt, was "oben" im Bewusstsein passiert. Mit "Tiefe" ist auch die Frage der Bedeutung verbunden, die Frage: Was bedeutet (daher der Begriff "Deutung") ein Sachverhalt oder eine Handlung für den betreffenden Menschen. Und: Warum bedeutet es gerade dieses und nicht etwas anderes. Sichtbares psychisches "Verhalten" ist das eine, die "unbewusste Motivation" für dieses Verhalten das andere.

Obwohl man heute davon ausgeht, dass sich die Positionen der Therapierichtungen annähern müssen, und jeder vom anderen etwas lernen kann, schliessen sich innerhalb der therapeutischen Situation die Arbeitsweisen in mancher Hinsicht aus. Man kann ein Fragestellung nur schwer gleichzeitig mit analytischer und verhaltenstherapeutischer Haltung angehen. Aus diesem Grund hat jeder Therapeut seine Identität innerhalb einer dieser Therapierichtungen, auch wenn zunehmend Annäherung und Zusammenarbeit entsteht.




Unterschiede der Therapierichtungen