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Copyright Dr. med. Robert Röhrig, FA für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse


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Populäre Irrtümer


Irrtümer, wie es sie bezüglich der Psychoanalyse gibt, gibt es wohl auf allen Fachgebieten, aber selten werden so viele Phantasien und Rivalitäten auf  so verwirrende Weise mit der Realität vermischt (und das seit 100 Jahren) Daher ist es besonders notwendig, das eine oder andere richtig zu stellen. Hier nur einige Beispiele, die möglicherweise ergänzt werden müssten.

Im Folgenden einige kurze Bemerkungen zu den Fragen:


    Ist Analyse ein Wühlen in der Vergangenheit?

    Wie ist das mit dem „Ödipus“?

    Realität und Unterstellung von Missbrauch

    Was bedeutet das „Schweigen“ des Analytikers?

    Muss man immer auf die Couch?

 

Ist Analyse ein "Wühlen" in der Vergangenheit ?

Dies wird wohl häufig so verstanden. Aber es gibt ein Sprichwort, dass man nur wissen kann, wo man hin will, wenn man weiss, woher man kommt. Es ist auch für die seelisch bedingte Erkrankung unumgänglich, die ganze Entwicklung der krankmachenden Umstände zu verstehen. Die Beschäftigung mit "Vergangenheit" meint in diesem Zusammenhang nicht etwas wirklich Vergangenes, sondern das, was davon noch heute innerseelisch hochaktiv (und damit für die Seele Gegenwart) ist, oft ohne dass wir dies wissen. Die Beschäftigung damit kann nicht Selbstzweck sein, das Interesse der Analyse ist selbstverständlich Entwicklung, und nicht Verharren in Vergangenem. Es ist das Ziel, ein Leben in Gegenwart und Zukunft möglich zu machen, weil krankmachende Erfahrung bzw. Erinnerung wirklich zur Vergangenheit werden kann. Auch in der Analyse geht es um die Perspektive der Zukunft. Manchmal macht aber erst ein Abschluss mit bestimmten Ereignissen der Vergangenheit einen Weg in lebenswerte Zukunft frei.


Will Analyse jeden überführen, dass er/sie eigentlich mit Mutter oder Vater schlafen und den anderen Elternteil umbringen wollte ?

Diese stark vereinfachte und grob verfälschte Darstellung des "Ödipuskomplex" scheint für die meisten Menschen mit Psychoanalyse gleichgesetzt zu werden. Wenn fachfremde Wissenschaftler argumentieren, dann scheinen sie oft zu glauben, dass sie Psychoanalyse ausser Kraft setzen können, wenn sie diesen "Komplex" nicht bei jedem Menschen wiederfinden können. Den Kern der Analyse macht aber ihre Arbeitsweise aus (siehe oben) und nicht der „Ödipuskomplex“, auch wenn die Arbeit an "ödipaler" Problematik wichtig ist.

Mit dem Begriff "ödipal" ist nicht nur die oft karikierte Liebe des kleinen Jungen zu seiner Mutter gemeint: Es ist damit das gesamte Beziehungsgeflecht zwischen Kindern und Eltern gemeint, welches der sog. "frühen" Entwicklung zeitlich folgt (die "frühen" Konflikte stehen heute im analytischen Konzept mindestens gleichwertig neben den "ödipalen"). "Ödipal" meint in diesem Zusammenhang eine Entwicklungsphase, in der ein Kind weniger auf die Zweierbeziehung zur Mutter ausgerichtet ist, sondern lernen muss, mit den Schwierigkeiten und Chancen einer Dreierbeziehung zu leben. Dabei geht es auch um die Liebe zu beiden Eltern, nicht nur die Konkurrenz zum gleichgeschlechtlichen Elternteil, und zwar mit dem Wissen, dass man einmal Mann oder Frau sein wird. In dieser Zeit entscheidet sich, ob und wie man sich später als Mann oder Frau fühlt, und wie man mit dem anderen und eigenen Geschlecht umgeht. Die ödipale Entwicklung ist dann geglückt, wenn jeder der Beteiligten die Beziehung der beiden anderen untereinander billigen oder sogar positiv erleben kann. Das alles wird normalerweise zuerst mit den Eltern erfahren. Der Blick auf die Konkurrenzsituation von Geschwistern untereinander sollte dabei nicht zu kurz kommen.

Vielleicht wird in der Kürze deutlich, dass es beim "Ödipus" doch um mehr als "crime & sex" (oder Witzfiguren) geht. Wer hat übrigens schon das Original des griechischen Mythos gelesen? Das wäre auch mal eine Idee. Dort steht es schon, wie sehr die Eltern (der Vater Laios und die Mutter Iokaste) selbst an einer missglückten "ödipalen" Entwicklung Teil haben.


Missbrauch oder kindliche Phantasie?

Häufig wird der Psychoanalyse unterstellt, sie verleugne den alltäglichen sexuellen Missbrauch, indem sie versuche, diesen Missbrauch auf eine kindliche Phantasie zurückzuführen. Diese Position ist meist der Versuch von Tätern, ihre Tat zu verleugnen.

Real ist, dass Freud bereits1895 als erster die Bedeutung von sexuellem Missbrauch als Ursache für schwere seelische Störungen erkannte. Missbrauch wurde damals als "Verführung" bezeichnet ("Verführungstheorie"). Da aber in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern die Kinder keine passiven Wesen sind, sondern ebenfalls Bedürfnisse und Phantasien haben, entstand bald darauf die Einsicht, dass auch in der Seele des Kindes (wie auch immer geartete) "Triebe" in die Beziehung zu den Eltern eingehen ("Triebtheorie"). Die heute etwas antiquiert klingenden Begriffe sind zwar vom Wortklang her ungewohnt, aber inhaltlich hoch aktuell. Mittlerweile ist es selbst der Sensationspresse (und Gerichten) nicht mehr unbekannt, dass es neben realem Missbrauch auch fälschliche Anklagen gibt, die so nicht stimmen können ( und wenn es die Ehepartner sind, die bei Scheidungen den anderen Elternteil verleumden). Oft ist der Vorwurf des Missbrauchs auch ein taktischer Schachzug in einem persönlichen Machtkampf.

Freud hat niemals die sog. Verführungstheorie und damit die real traumatisierende Auswirkung eines Missbrauchs verleugnet, sondern er hat Abstand davon genommen, dass der reale Vorgang des Missbrauchs die alleinige Ursache für seelische Erkrankungen ist. Und er hat einen Schwerpunkt der Betrachtung darauf gelegt, was sich bezüglich Sexualität auch im Seelenleben des Kindes ereignet, bzw. was der Erwachsene davon erinnert. Denn meist kommt dieser erst später zur Behandlung. Es ist einsichtig, dass nicht nur das Trauma bestimmt, welche Auswirkungen es hat, sondern auch der Mensch, der davon betroffen ist. Die Umstände einer Missbrauchssituation oder auch einer kindlichen Phantasie oder auch eigener "Triebregungen" sind vergangen, was sich im Kind daraus entwickelt hat nicht. Die Behandlung ist nicht mehr mit der realen Situation konfrontiert, sondern mit Erinnerungen (natürlich auch Phantasien) und daraus entstandenen Entwicklungen. Diese sind auch vom Wesen des betroffenen Menschen/Opfers abhängig, nicht nur von der Verletzung selbst. Aus der Verlagerung des Schwerpunktes der Betrachtung lässt sich nicht ableiten, dass Psychoanalyse das reale Trauma verleugnen würde. Aber es wird komplexer, wenn man nicht mehr einen Täter als alleinige Ursache benennen kann.

Sehr deutlich lässt sich diese Frage an dem alten, zwischenzeitlich überholten Streit festmachen, ob der Mensch "Produkt" seiner Gene oder seiner Erziehung ist: Das Kind ist bei Geburt kein "leeres Blatt", sondern ein Mensch, der bestimmte Veranlagungen mitbringt. Damit sind alle Variationen offen. Ein grundsätzlich "normales" Kind kann in einem schwierigen Elternhaus gravierende Störungen entwickeln, aber ein mit schwierigen Anlagen geborenes Kind kann trotz einem "normalen" Elternhaus psychisch schwer erkranken (und manchmal mögen auch die besten Eltern eine schlimme Entwicklung nicht verhindern können). Bis zu der Tatsache, dass wirklich "starke" Kinder auch in einem sehr schwierigen Elternhaus sich "normal" entwickeln können. Wenn also ein Patient später einen Therapeuten aufsucht, ist es sehr schwer, nachträglich eine "Schuld" zuzuweisen. Deshalb muss man sich ganz darauf konzentrieren, wie die Umstände erlebt wurden und was sich davon in der Seele "niedergeschlagen" hat.

Ist es denn wirklich so, dass der Versuch, aufzuklären, was bei einem Missbrauch wirklich geschehen ist, und was ein Mensch daraus gemacht hat, gleichbedeutend mit der Leugnung von Täterschaft zu betrachten ist? Man weiss heute gut, wie das Gedächtnis arbeitet, und dass sich Menschen lebhaft an Ereignisse erinnern, die nicht in der äusseren Realität stattgefunden haben können. Seelische „Wahrheit“ ist immer ein Ergebnis innerer Entscheidungsprozesse.


Unbestritten bleibt dabei die Regel, dass der „Erwachsene“ (in Therapien also auch der Therapeut) die Verantwortung dafür trägt, wenn aus einer seelisch schwierigen Dynamik ein realer Missbrauch entsteht.



Das "Schweigen" des Analytikers

Für manche scheint eines der besonderen Kennzeichen von Psychoanalyse das Schweigen des Therapeuten zu sein. Das lässt sich vielleicht nur nachvollziehen, wenn wir von unserer Alltagserfahrung ausgehen: Kaum will man was von sich erzählen, fällt einem der andere ins Wort (entweder es geht ihm selbst noch viel schlechter, oder er weiss alles besser). Und wenn er mal zuhört, dann nur, um alles weitererzählen zu können.

Der Analytiker ist dagegen zu "Neutralität und Abstinenz" angehalten, was bedeutet, dass die Interessen seiner eigenen Person in der Therapie nichts verloren haben. Sein Schweigen ist also kein Schweigen im üblichen Sinn, sondern eine besondere Art des aktiven Zuhörens, er will wirklich nichts von dem verpassen, was ihm der Patient mitteilt. Der Therapeut teilt dann natürlich mit, was er verstanden hat, und welche Überlegungen er dazu hat. Er bringt es vielleicht mit einer Bemerkung oder einer kurzen Frage auf den Punkt. Dem Patienten, der die Erfahrung hat, dass in der Regel mit vielen Worten nichts gesagt wird, mögen vielleicht die wenigen Worte wirklich wie nichts vorkommen, bis er diese Art schätzen gelernt hat, ihm zuzuhören, und bis er selbst gelernt hat hinzuhören.



Muss man immer auf die Couch?


Die Couch ist das am häufigsten verwendete Symbol für Psychoanalyse. Das geht so weit, dass auch Therapeuten, zu deren Arbeitsweise die Couch überhaupt nicht gehört, sich damit „schmücken“. Aber: Psychoanalytisch zu arbeiten ist nicht an das Liegen auf der Couch gebunden. Auch wenn die Indikation für eine psychoanalytische (besser psychoanalytisch orientierte ) Arbeit gestellt ist, sind nicht alle Patienten auf der Couch gut versorgt. Es muss eine komplexe Entscheidung getroffen werden, an der auch die Patienten beteiligt sind. Das hängt davon ab, auf welcher „Tiefe“ die Symptomatik sich bewegt, und welches „Ziel“ mit der therapeutischen Arbeit verbunden ist. Und ein wenig von der therapeutischen Haltung der Therapeuten. Es gibt Analytiker, die bevorzugen das Setting auf der Couch, und die arbeiten mit Patienten, für welche das Arbeiten auf der Couch sinnvoll ist, und es gibt Analytiker, die arbeiten überwiegend im Sitzen, weil sie mit anderen Problemstellungen konfrontiert sind.

Ob man bei einem Analytiker auf der Couch liegt, oder im Sessel sitzt, ist das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung.

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